Fotocollagen zu Schuberts Winterreise

24 Fotocollagen zum Liedzyklus „Winterreise“ von Franz Schubert,
2010 (80 x 60 cm)

Collage Nr. 15: Die Krähe


Fremd bin ich ...
Unter diesem Motto aus dem ersten Lied der „Winterreise“ von Franz Schubert stehen die Fotocollagen zum „Winterreise“-Zyklus. Entfremdung – dieser Gedanke zieht sich wie ein roter Faden durch die Werke: Rückblicke auf nicht mehr Erreichbares, Vergangenes – Durch- und Ausblicke auf innere und äußere Gemütsbewegungen der Zerrissenheit.
Ausgangspunkt der bildnerischen Auseinandersetzung war nicht der schubertsche Liedzyklus, sondern zunächst eine im Dunstkreis der „Unwirtlichkeit unserer Städte“ entstandene Bildidee zu einer Papiercollage. Gedacht war an eine betonierte Straßenlandschaft aus dem Inneren eines Wagens heraus gesehen, eng, mauernbewehrt, kahl, ohne eine natürliche Hinterlassenschaft. Die Natur hinter sich gelassen, nur noch als Erinnerung im Rückspiegel sichtbar, das ist auch das zentrale Element der ersten Collage zur „Winterreise“. Schmerzhaft ist dieser Entzug von Natürlichkeit, es ist wie Trauer um eine vergangene Beziehung.

Diese Wehmut zieht sich durch die müllerschen Gedichte und die schubertsche Musik. Oft wird die Stimmung der Musik mit Depression assoziiert und dennoch ist es – meiner Ansicht nach – nicht so einfach. Hanspeter Padrutt formulierte es 1984 in seinen Gedanken zur „Winterreise“ (Das Lied vom epochalen Winter) einmal so: „Die Trauer über den Entzug des Heimatlichen ist kaum zu trennen von der Freude auf das Wiedersehen.“ Dieses „Zusammenspiel von Trauer und Freude“ möchte ich auch in meinen Collagen ausdrücken. Besonders deutlich wird dies am letzten Bild, dem „Leiermann“. Es gilt als „ein Symbol für das immer wiederkehrende Leid und das Wandern im Kreis mit nur einem Ziel: dem Tod.“ (Jens Koopmann, 1998) Mir scheint der offene Schluss des Zyklus neben der depressiven Ausdeutung und dem politischen Interpretationshinweis auf die repressive Zeit der metternichschen Restauration auch ein positives Element zu enthalten: Der Protagonist des Zyklus wendet sich einem Gleichgesinnten zu. Können sie sich gemeinsam ihren Frust von der Seele singen? Hat diese jämmerliche Existenz endlich ein Ende? Gibt es ein Leben in einer anderen (besseren?) Welt? „Willst zu meinen Liedern deine Leier drehn?“ In meiner Collage zieht das leuchtende Gelb der Frühjahrsblumen alle Aufmerksamkeit auf sich, der Eisrahmen des Fensterausblicks gerät fast in den Hintergrund; das Gras durchbricht den Straßenbeton. „Von der Eisblume am Fenster der Welt-Anschauung zum »Erschütterer Anemone« auf der offenen, blühenden Wiese.“ (Padrutt)


So wie die Mollstruktur der Winterreiselieder immer wieder in den Momenten der Erinnerung von Durpassagen durchbrochen wird, so findet sich in den Schwarz-Weiß-Bildern immer wieder ein farblicher Akzent, mal stark (wie beim „Rückblick“), mal eher schwach reflektiert (wie beim „Lindenbaum“). Das zentrale Mittelbild nimmt immer diesen Kontrast Farbigkeit – Schwarzweiß auf, während die umgebenden Fotoelemente ergänzende Beziehungen formulieren. Bewusst ist dafür die Nähe zum Triptychon gesucht. Im Predellateil finden sich häufig Bezüge zu Vergänglichkeit, Ersterben und Tod. Im Ganzen bleiben die Collagen – wie auch die Lieder – durchzogen von einer leidenden Grundstimmung. Ihr ist auch die formale Beziehung zum Flügelaltar mit Predella geschuldet, eine Konstellation, die dem Verlangen nach Liebe und menschlicher Nähe in einem unwirtlichen Umfeld Gestalt verleiht. Dieser religiöse Bezug findet sich auch an mehreren Stellen der „Winterreise“, am deutlichsten im „Nebensonnen“-Gesang. Die drei Sonnen gelten als Symbol für Glaube, Liebe, Hoffnung. Und das Schlusslied verweist auf die Tiefe des Glaubens, der keine Forderungen mehr stellt:

„Und er lässt es gehen,
Alles, wie es will ...“

Horst Zeitler


Collage Nr. 1: Gute Nacht


Collage Nr. 2: Die Wetterfahne

  
Collage Nr. 3: Gefrorne Tränen                  Collage Nr. 4: Erstarrung


Collage Nr. 5: Der Lindenbaum


Collage Nr. 8: Rückblick

    
Collage Nr. 11: Frühlingstraum                     Collage Nr. 14: Der greise Kopf

  
Collage Nr. 17: Im Dorfe                            Collage Nr. 23: Die Nebensonnen


Collage Nr. 24: Der Leiermann